Brit-Look, Teil 1


Aus der Serie: Brit-Look

Alles hat seine Zeit, das steht schon in der Bibel. Auch der stilbewusste Mann beherzigt diesen Spruch. Der Sommer ist die Saison für Leinen, Baumwolle und leichtes Tropicaltuch, aufgerollte Hemdsärmel, Bermudas und Bootsschuhe. Der Herbst macht dagegen Lust auf dicke Pullover, Kordhosen, raue Tweeds, ölige Wachsjacken und derbe Brogues. Sprich: Den klassischen Brit-Look. Mit Duffer-of-St.-George-Kapuzenshirts oder hippen Richard-James-Anzügen hat der genauso wenig zu tun wie ein matschverschmierter Landrover mit dem Mini One. Denn das erste und wichtigste Gebot der Anglophilen lautet: Meide Mode und Trends, kleide dich zeitlos und vor allem so, dass du mit deinen Sachen sofort als Komparse für eine Neuauflage von „Der Doktor und das liebe Vieh“ gecastet würdest. Anders ausgedrückt: Brit-Look ist Retro in Permanenz, “back into the past”.

Bis in die Sechziger war die Herrenmode gleichzusetzen mit dem englischen Gentleman-Stil. Der Mann von Welt trug Schurwollstoffe aus Huddersfield, Macclesfield-Krawatten, Rahmengenähte aus Manufakturen in Northampton und Londoner Regenmäntel mit dem charakteristischen Karo-Futter. Italienische Schneiderkunst war damals noch ein Insidertipp für Jetsetter und die Toskana-Fraktion der ersten Stunde. Erst die Yuppies der Achtziger machten südlich der Alpen Genähtes zum alles dominierenden Maß der Dinge und verdrängten den Brit-Look aus dem Modemainstream in eine kleine Handvoll englisch ausgerichteter Ausstatterläden, die in Treue fest zum Bewährten von der Insel standen. Hardcore-Fans des Brit-Looks haben vom Aufstieg der „moda italiana“ allerdings kaum was mitbekommen, denn sie shoppen ohnehin am liebsten in den Londoner West-End-Quartieren Piccadilly, St. James’s oder Mayfair. Abgesehen von ein paar Geschäftsaufgaben, Umzügen oder Zusammenschlüssen findet sich dort seit Jahrzehnten fast alles noch an vertrauter Stelle und im gewohnt angestaubten Ambiente.

Der echte Brit-Look hat wenig mit der pseudo-englischen Anmutung des immer mal wieder beliebten „Landlord“-Stils zu tun, zumal die Anhänger der britischen Anti-Mode wissen, dass die Vokabel „landlord“ für „Wirt“ steht und nicht etwa für Landedelmann. Der Lifestyle des englischen Aristokraten liefert das Grundmuster des authentischen Brit-Looks. Am liebsten ist er auf dem Lande, rustikal gekleidet wie ein Bauer. Auch wenn sein Haus von einem gepflegten Rosengarten umgeben ist und alle Wege feinsäuberlich mit Kies bestreut sind, die abgeschrappte Wachsjacke, die dicken Kord- oder Moleskinhosen und die unentbehrlichen Gummistiefel rüsten ihn für die Erfordernisse eines echten Gutshofes. Übrigens beschränkt sich das Landleben häufig auf die Wochenenden, da der Besitzer des schmucken Cottage unter der Woche seinem wenig naturverbundenen Gelderwerb in Londoner Bankendistrikt nachgeht. Dort trägt er dann, ganz „city gent“, dunkelblauen Nadelstreifen, Pünktchen-Krawatte und schwarze Oxfords. Dass das Herz des Brokers oder Bankers für sein gemütlich eingerichtetes Farmhaus aus dem 16. Jahrhundert schlägt, signalisieren ländliche Versatzstücke wie der zerknautschte braune Trilby-Hut, oder der Covert-Mantel mit Samtkragen.

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Über Bernhard Roetzel 53 Artikel

Bernhard Roetzel schreibt über Herrenmode und verschiedene Stilfragen. Der Bildband „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“ ist seine bekannteste Publikation, sie liegt in fast 20 Übersetzungen vor.

3 Kommentare

  1. Auch wenn Leo es ganz zum Schluss ausspuckt, „landlord“ heisst in den allermeisten Fällen nicht „Wirt“ sondern „Vermieter“ oder „Grundbesitzer“.

  2. Es wäre schön, wenn Sie zu Ihren sehr guten Artikeln immer ein paar erklärende Bilder beifügen könnten.

  3. …und Piccadilly ist kein Quartier, sonder eine Straße, und zwar genau die, die die Quartiere Mayfair und St James voneinander trennt.

    Sonst aber durchaus zutreffend, wobei die Dichte an Nadelstreifenanzügen gerade im letzten Jahr auch bei bekennenden Konservativen deutlich abgenommen hat!

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