Der Duft fallender Blätter…Herbstparfüms für Gentlemen

Der echte Parfümliebhaber ersehnt die kühlere Jahreszeit, denn so schön der Sommer (jedenfalls theoretisch) sein mag und so erfrischend grüne und zitrische Düfte, die volle Duftpalette lässt sich erst bei etwas niedrigeren Temperaturen zum Einsatz bringen. Kräftige Gewürze und dichtere florale Noten, warme Hölzer und süß- oder harzig-balsamische Noten umschmeicheln dann wieder festen Tweed oder weiche Kaschmirwolle. Der Vielfalt sind kaum Grenzen gesetzt – der Mannesduft beschäftigt sich aber heute mit Herrendüften, die nicht nur in den Herbst passen, sondern ihn geradezu verkörpern. Sommerabschied, goldenes Laub, leise Melancholie, reiche Erntegenüsse und die gemütliche Stube haben alle ihre Duftspuren, die sich in vielen Parfüms wieder finden.

Ganz oben auf der Herbstliste steht Bois du Portugal, ein echter Klassiker aus dem Hause Creed. Obwohl es oft als „Boardroom“ Duft für aggressive Alphamännchen charakterisiert wird, ist diese simple und präzise Komposition aus rauchigem Lavendel und warmen Holznoten doch auch der Inbegriff eines Herbstspaziergangs im dicken Shetlandpulli an einem kühl-klaren Sonnentag. Scharf konturiert ragen rot-goldene Bäume in die herbe Luft, der Rauch schwelender Laubhügel steigt in die Nase und mischt sich mit der Vorfreude auf ein warmes Kaminfeuer aus würzig-süßen Hölzern.

Etwas introvertierter geht es beim Eau de Toilette von Domenico Caraceni zu. Warme, welkende Rosen versprühen spätsommerliche Melancholie, in die sich perfekt eine wunderbare, tiefe Tabaknote gelassener „gentility“ fügt. Zum meditativen Charakter tragen auch Harze wie das Styrax der Kopfnote und Weihrauch und Zypresse in der Basis bei. Neroli und Petitgrain vom Orangenbaum flackern wie eine Erinnerung an den Frühling und vermeiden das Abgleiten in allzu düstere Grübelei. Domenico Caraceni verlangt entweder nach sehr formeller Kleidung oder aber einem gepflegten englischen Country Stil – passend zum Raucherzimmer eines Manors an einem wolkigen Herbsttag im Lake District.

Cacharel pour homme von 1981 ist ein unterschätzter Duft, dessen zentrales Thema Muskat sofort an Thanksgiving, Kürbiskuchen und andere anglo-amerikanische Herbstfreuden denken lässt. Da der Lebkuchen schon längst in den Regalen liegt und Halloween inzwischen erfolgreich importiert wurde, können auch Deutsche ihn nicht nur mehr als Weihnachtsduft genießen. Nach einem kurzen zitrischen Auftakt übernimmt die verblüffend authentische Muskatnote effektvoll die Regie und bietet eine wunderbare Kombination aus Understatement, Ausdruckskraft und Individualität, welche langsam einer sehr schönen, weichen Holzbasis weicht. Herbstliche Lebensfreude trifft auf distinguierte Eleganz. Ich empfehle dazu Moleskin- oder Cordhosen, ein kastanienfarbenes Jackett und eine warmtönige Krawatte mit dezentem Herbsthema.

Lorenzo Villoresi Vetiver ist ein wunderbar kompromissloser Vetiverduft: krautig-bitteres Grün feuchter Waldkräuter, moosige alte Baumstämme, schwere schwarze Erde, kokelndes Laub im Herbstnebel. Wenn Bois du Portugal früher Oktober ist, haben wir hier den späten November. Schiere Maskulinität, es fehlt nur noch das Wolfsgeheul. Allerdings gelingt Villoresi das Kunststück, den raubeinigen Trapper in einen Smoking zu stecken, denn bei aller Unverblümtheit durchzieht diesen Urwald eine elegante Rosenholznote.

Wenn auch Sie einen Duft kennen, der herbstliche Akzente setzt, erzählen Sie davon im Kommentarbereich…

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Über Dr. Tom Clark 10 Artikel

Dr. Tom Clark ist der Duftexperte auf Stilmagazin.com. Seine weitreichenden Kenntnisse und großes Hintergrundwissen werden Sie faszinieren. Seine Kolumne „Mannesduft“ hält einige Überraschungen für Sie bereit.

6 Kommentare

  1. Hm, da fallen mir noch Sienne L’Hiver von Eau d’Italie und Park Royal von Crown und Spezie von LV und XPEC Original und die Sonderediton 1612 von SMN – Ottone ein….

    salut Grimod

  2. Danke, schöner Artikel, ich denke noch an Creed Royal English Leather, C&S Frankincense & Myrrh, Anglia Royal Court…
    lg AW

  3. Auf einige dieser Düfte komme ich vielleicht in der Kolumne „Winter & Weihnacht“ zurück. Sienne d’Hiver und Frankincense & Myrrh fordern das ja namentlich heraus :-). Ich bin allerdings noch immer traumatisiert davon, wie sehr C&S den Letzeren, einen meiner Lieblinge, verändert hat.

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