Der erste Anzug

Anzug muss sein. So pauschal diese Feststellung auch klingen mag, sie ist wahr. Irgendwann braucht ihn jeder Mann im Leben. Ab einem gewissen Grad an Formalität im Berufs- oder Privatleben kommt niemand um den Anzug als etablierte Kleidungsform herum. Umso wichtiger ist es, den Anzug für sich selbst möglichst ideal auszuwählen.

Gemeint ist nichts anderes, als die Schnittmenge aus Passform, Optik, Haltbarkeit und Kaufpreis. Bei genauerer Betrachtung symbolisieren alle genannten Kriterien Qualität in der einen oder anderen Form. Einfach die beste Qualität für den Kaufpreis zu verlangen, ist deshalb zu unpräzise. Der nachfolgende Leitfaden soll es auch Berufseinsteigern und Gelegenheits-Anzugträgern möglich machen, mit minimalem Aufwand einen Anzug zu kaufen, der auch vor Kennern bestehen kann.

Gerade Berufseinsteiger und Menschen, die nur selten Anzug tragen, wollen und sollten sich mit dessen Anschaffung nicht überheben. Für den gelegentlichen Einsatz oder die ersten Jahre der Karriere ist deshalb auch ein Anzug angemessen, der nicht gleich ein vierstelliges Loch ins Budget reißt. Angenehme Nebenwirkung: So bleibt mehr Geld für hochwertige Schuhe übrig, die für den gelungenen Gesamteindruck auf keinen Fall fehlen sollten. In der Preisklasse um 500 bis maximal 900 Euro sind bereits Anzüge erhältlich, die ein vernünftiges Verhältnis zwischen Anschaffungskosten und Haltbarkeit bieten. Wer mehr für einen Anzug ausgibt, sollte auch genügend Trageanlässe haben, um die Mehrausgaben entsprechend zu rechtfertigen.

In der genannten Preisklasse dürfte jeder Herrenausstatter und jedes Modekaufhaus eine breite Auswahl solider Mittelklasseanzüge bereit halten. Der Blick auf das Markenetikett ist dabei eigentlich vollkommen überflüssig, wenn man nicht bereits im Voraus geklärt hat, ob man in einem bestimmten Schnitt eines bestimmten Labels besonders gut aussieht. Weitaus wichtiger ist die tadellose Passform des Anzugs, doch dazu etwas später.

Was darf man nun von einem Anzug in der Preisklasse ab 500 Euro erwarten? Die meisten Anzüge werden auch in diesem Segment noch mit einer Klebeeinlage im Sakko und im Hosenbund verarbeitet und großteils maschinell genäht sein. Hierbei wird die traditionellerweise lose vernähte Einlage aus Kostengründen mit dem Obermaterial regelrecht verschmolzen. Nicht jede Klebeeinlage ist schlecht. Wie auch beim Oberstoff des Anzugs kommt es auf die richtige Qualität an: Unebenheiten oder Blasen sollten reklamiert werden — auch nach einiger Tragezeit. Die besseren Anzüge werden jedoch teilfixiert sein. Hier wird die verklebte Einlage im Brustbereich durch ein loses Brustplack verstärkt und gibt so der Jacke mehr Form. Hierzu passt ebenfalls eine aufwendigere Schnittkonstruktion als bei Discount-Anzügen üblich.

Apropos Oberstoff: Die häufig beworbenen Super-Nummern, die die Qualität des Tuchs spiegeln sollen, kann man getrost außer Acht lassen. Viel wichtiger als besonders feine Garne ist Reißfestigkeit, Strapazierfähigkeit und Faltenresistenz. Im Zweifel ist man mit einer mittelschweren Schurwollqualität in knitterarmer Webung (Fresko, Hopsack oder gerade Webarten) in dunkelblau oder mittelgrau am besten beraten.

Das wichtigste Qualitätsmerkmal des Anzugs jedoch ist und bleibt die Passform. Schließlich nützt der beste Stoff und die sauberste Nahtführung nichts, wenn das resultierende Kleidungsstück seinen Träger unförmig umfließt. Ein gut passender Anzug sitzt im Rücken und um die Brust knapp, aber nicht eng. Querfalten deuten auf zu wenig Platz im Anzug hin, Längsfalten auf zu viel. Besonders wichtig sind gut gewählte Längen: Die Jacke bedeckt das Gesäß, Jackenärmel schließen einen halben Zentimeter vor dem Hemdsärmel ab, Hosenbeine enden auf halber Strecke zwischen Schuh-Oberkante und Absatz.

Kein Anzug wird von der Stange perfekt passen. Die Konfektionsindustrie bemisst Schnitte stets so, dass sie für ein möglichst breites Größenspektrum einen gerade noch tragbaren Kompromiss bieten. Umso wichtiger ist es, bei der Anschaffung des Anzugs in Änderungen zu investieren. Diese scheinbar kleinen Eingriffe können einen ordentlichen zum eindrucksvollen Anzug machen, insofern lohnt es sich, an dieser Stelle nicht in Sparzwang zu verfallen. Kalkulieren Sie Änderungskosten von bis zu 100 Euro einfach in den Kaufpreis ein, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

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Über Florian S. Küblbeck 186 Artikel

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk „Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten“ gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

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