Der lange Weg der Heiligen Drei Könige – Orientals „pour homme“

Myrrhe und Weihrauch brachten Kaspar, Melchior und Balthasar dem Jesuskind, ein kostbarer Tribut der Königen und Göttern vorbehalten war. Profumum, sakrales Räucherwerk wie Zeder, Myrrhe, Labdanum, Styrax, Olibanum oder Adlerholz, war in der antiken Welt von zentraler Bedeutung. Solche kostbaren Hölzer, Harze und Balsame begründeten Handelsimperien, waren Kriegsgrund, sind in der Bibel allgegenwärtig und bilden bis heute einen zentralen Korpus unter den Parfümrohstoffen. Auch die Destillation von Rosenöl, welche den Beginn der „flüssigen“ Parfümerie markiert, ist eine persische Erfindung, die über das islamische Spanien nach Europa gelangte und in die Alchemie mündete, in der wiederum die Wurzeln der abendländischen Parfümkunst liegen.

Dass die Blüte der modernen westlichen Parfümerie an der Wende zum 20. Jahrhundert eng mit „orientalischen“ Duftkonzepten verknüpft ist, hat allerdings auch mit der damaligen Begeisterung für alles Nah- und Fernöstliche zu tun. Neben dem schnell von Männern adoptierten Fougère-Stil (Lavendel-Eichenmoss-heuiges Coumarin) und dem mediterran inspirierten zitrisch-moosigem Chypre bot das „orientalische“ Konzept einerseits eine werbewirksame Anbindung an erwünschte und beliebte Fantasien arabischer Sinnlichkeit und asiatischer Exotik (man denke nur an Puccini-Opern und Ingrès-Gemälde) aber auch eine ideale Plattform für die Anwendung der neuen Dufttechnologien: komplexe Panoramen aus chemisch extrahierten floralen Ölen, Harzen und Gewürzen und neuen intensiven und strukturierenden Synthetika wie Vanilllin, Coumarin, Iononen und Aldehyden hoben sich von zurückhaltenden Eau de Colognes, Mauerblümchen-„Soliflores“ und dem Potpourri-Mischmasch älterer Machart deutlich ab. Modemacher wie Paul Poiret übertrugen den farbenfrohen, fließenden Stil ihrer Kollektionen auf Düfte wie „Le Fruit Defendu“, „Nuit de Chine“ oder „Shakhamuniy.“ Caron reüssierte mit dem persischen Narcisse Noir und das jüngst erst wiedergeborene englische Haus Grossmith lancierte üppige Kompositionen wie Shem-El-Nessim oder Hasu-no-Hana. Am Anschaulichsten aber zeigt sich die Präsenz des Orients in der Belle Époque an der Guerlinade, dem Hausakkord des größten Namens in der klassischen Parfümerie. Seit Aimé Guerlains Jicky (1889) definierte diese changierende Mixtur die Meisterwerke dieser Künstlerfamilie wie L’Heure Bleue oder Shalimar. Sie basiert auf Bergamotte, Rose, Jasmin, Tonkabohne, Iris, Harzen, animalischen Noten und Vanille.

Die Herren allerdings waren bei alledem außen vor. Sieht man von dem außergewöhnlichen Hammam Bouquet von ca. 1890 ab, William Penhaligon’s olfaktorischem Spiegel der lebendigen orientalistischen Badehauskultur der viktorianischen Elite, war der europäische Orient als parfümistische Exotismus- und Haremsfantasie auf weibliche Konsumenten zugeschnitten. Es sollte bis 1937 dauern, dass der Orient die Badezimmerschränke von Mittelklassemännern eroberte, in der Form eines als Damenparfüm gescheiterten Produktes, dass zum Herrenduft umettiketiert wurde und seine Orientalität (Zitrus-Gewürze-Blumen-Amber) hinter einem maskulin-nautischem Thema verbarg: die Rede ist von Old Spice, in der Qualität seiner alten Rezeptur im übrigen ein nicht zu verachtender Duft und natürlich für ganze Generationen ein prägender „Duft der Väter“.

Auch Chanel pour Monsieur von 1955 wird – zumindest in der H&R Parfüm-Genealogie – den würzigen Orientalen zugeordnet (obwohl insgesamt dezent frisch enthält der Fond u.a. Labdanum, Benzoe, Olibanum, Patchouli und Sandelholz). Der kulturelle Wendepunkt allerdings liegt in den 60er Jahren, als sich Geschlechterrollen im Zeichen sozialer Transformationen flexibilisierten und zudem die Pop- und Jugendkultur einen neue Orientalismuswelle im Westen auslöste, mit der Räucherstäbchen, Patchouli, Sandelholz wie auch östliche Mode, Musik und Philosophie den Zeitgeist prägten. Geradezu verblüffend deutlich machte dieser Paradigmenwechsel die US Werbekampagne für Habit Rouge, den ersten Herrenduft Guerlains seit Mouchoir de Monsieur von 1905: Unter dem Bild eines Herrenkopfes, dessen Nase über einem Flakon Shalimar schwebte prangte 1965 der Slogan: „An alle heimlichen Anhänger von Guerlain Parfüms: Sie können sich jetzt outen mit Habit Rouge for Men“.  Neben der Guerlinade für Herren mit equestrischem Thema erschienen in den 60er und frühen 70er Jahren u.a. die ebenfalls berittenen Equipage von Hermes und Chevalier d’Orsay, sowie Balenciagas Ho Hang und die bemerkenswert süß-orientalischen Kanon von Scannon (1966) und das einflussreiche Royal Copenhagen (1970), welches neben einem floral-holzigen Herz stark von Tonka und anderen intensiven Noten (Honig, Vanille, Heliotrop, Amber) geprägt war, welche man mit Männern bis dahin höchstens qua heftigst aromatisiertem Pfeifentabak assoziiert hätte.

Mit der Ära der „power scents“ in den späten 70er und 80er Jahren erreichte auch der maskuline Orientalismus dieser Ausprägung seinen Höhepunkt. Nicht nur gab es jetzt männliche „Flanker“ zu Damendüften wie dem schweren Opium, sondern Männerdüfte erreichten jetzt Konzentrationen z.B. an Amber- und Vanillenoten, die noch eine Generation früher als gänzlich unmännlich abgetan worden wären. Das Bild des Wall-Street-Machos, wie Michael Douglas Filmfigur ihn verkörperte erfuhr somit im Duftbereich eine barocke Androgynisierung, wie sie in der Popkultur (Prince, Boy George uvm.) durchaus typisch war. Lagerfeld war im Massenmarkt das größte Zugpferd schrankenloser orientalischer Süße, gleichzeitig entstanden komplexe Meisterwerke wie Jean Desprez Versailles pour homme, eine wuchtige Hommage an französischen Prunk aus schwersten floralen, Harz, Gewürz- und Balsamnoten oder Jean Kerleos ikonisches Patou pour homme, eine makellose Melange aus Fougere, Chypre und orientalischen Elementen, die vielen Kennern als bester Herrenduft aller Zeiten gilt.

Zum Ausklang der Dekade brachte Chanel 1990 das orientalische Thema und den Zeitgeist mit dem floral-zimtig-sandeligem Égoiste nochmal auf den Punkt, doch die große Zeitenwende kündigte sich bereits an. Nicht nur der Ostblock löste sich auf, auch die schwere Artillerie der Parfümwelt schien über Nacht verschwunden zu sein. Mit dem gigantischen Erfolg von Davidoffs Cool Water (den Creeds Green Irish Tweed im Nischenbereich schon angedeutet hatte) begann die aquatische Ära leichter, transparenter Düfte, die quasi das genaue Gegenteil des klassischen Orientmodells verkörperten. An dieser neuen Hegemonie, die sich im folgenden in der Unisex-Ästhetik der Calvin Klein Düfte oder dem minimalistischen Ideal japanischer Parfümästhetik à la Issey Miyake äußerte, änderten auch vereinzelte brilliante Nachzügler wie Guerlains Héritage (1992) nichts. Der Trend zu einem synthetisch-reduktiven Stil, befördert durch die Preisexplosion bei vielen natürlichen Rohstoffen, dem Zusammenbruch des Sandelholzmarktes und dem Beginn der Ära massiver Regulierung von Inhaltsstoffen  prägt die Industrie seit dieser Zeit und wirkte auch formativ auf das rasant wachsende Feld der „Nischenparfümerie.“

Der orientalische Stil entwickelte sich unter diesen Bedingungen in drei Richtungen:

  1. ein neues Orientalen-Modell, das auf transparenten, geschmeidigen holzig-balsamischen Duftkomplexen aus traditionellen Harzen und neuen synthetischen Stoffen wie Iso-E-Super und Cashmeran beruhte. Wegweisend waren hier die Düfte Mark Buxtons und Bertrand Duchaufours für Comme des Garcons aus dem frühen 21. Jahrhundert, insbesondere natürlich die berühmte Series 3: Incense, welche stilbildend auf die gesamte Branche wirkte und sich stilistisch heute in allen Duftlinien, von Amouage bis By Kilian wiederfindet. Dieses ist also ein Orient aus dem Schwere, Süße und Puder verschwunden sind, ein Serail im Jil Sander Look.
  2. eine Gegenbewegung, die am konsequentesten von Serge Lutens verkörpert wird, ironischerweise einem Zweig des japanischen Shiseido-Imperiums. Lutens und sein wichtigster Parfümeur Chris Sheldrake schufen einen neo-orientalischen Stil, der kompromisslos an die große französische Parfümtradition anknüpfte, dabei aber gewisse alte Zöpfe abschnitt und so zu einer Synthese moderner Opulenz, geradliniger Üppigkeit gelangte, die sich in Meisterwerken wie Ambre Sultan, Arabie, Borneo 1834 und vielen anderen Düften widerspiegelt, welche passender weise geschlechtsneutral und in minimalistischer Aufmachung vermarktet werden.
  3. Gleichzeitig fand eine Genreverschiebung statt, in der die massive Süße der orientalen Klassik in den neuen Bereich der „Gourmanddüfte“ transferiert wurde. Hier fanden sich nun Parfüms für Männer wie Frauen, in denen ohne Hemmungen mit massiven Schokoladen- Marzipan- Kaffee- und natürlich Vanillekomplexen gearbeitet wurde, die in großen Teilen orientalische Wurzeln haben, nun aber in einem „Kalorienbomben“ Referenzrahmen betrachtet wurden, wobei Überschneidungen (etwa bei Lokoumparfüms) natürlich nicht ausgeschlossen sind. In diese Kategorie gehören z.B. L’Instant homme von Guerlain, Rochas Man, oder Mugler’s A*Men.

Letztlich kann man also feststellen, dass der Orientalismus in Düften wie Konzepten der Parfümindustrie immer noch quicklebendig ist und sogar eine gewisse Renaissance erlebt, wie man nicht zuletzt am jüngsten Megahype um das ehrwürdige fernöstliche und in Arabien schon lange geschätzte „Oud“ sehen kann. Aufgrund seiner auch aus maskuliner Sicht inzwischen längeren Geschichte, sowie der Lockerung von Genderkategorien können Männer inzwischen unter einem enormen Spektrum orientaler Duftstile ihre Wunschnoten entdecken: ob sie sich einfach für Shalimar Extrait entscheiden oder lieber für Klassiker wie Old Spice und Habit Rouge; den Urahn Hammam Bouquet, eine moderne Interpretation des Männer-Orientals wie Olivia Giacobettis geniales Idole de Lubin oder ein Naturparfüm wie das makellose Sharif von Dominique Dubrana: der Orientfantasie sind heute kaum noch Grenzen gesetzt.

Zur Vertiefung empfohlen:

  • Penhaligon’s Hammam Bouquet – aus einem Land vor unserer Zeit
  • Guerlain Shalimar Extrait – das Paradigma
  • Old Spice (vintage) – der Beginn
  • Guerlain Habit Rouge – die Zeitenwende
  • Lagerfeld pour Homme – der Höhepunkt
  • Patou pour Homme – das Meisterwerk
  • Chanel Égoiste – der Überlebende
  • L’Eau d’Issey homme – der radikale Gegenentwurf
  • Serge Lutens Ambre Sultan – das neo-traditionelle Oriental
  • Comme des Garcons Series 3: Incense – das Niche-Oriental
  • L’Instant de Guerlain pour homme EdP – Oriental als Gourmand
  • L’Idole de Lubin – die perfekte Synthese der drei vorgenannten Ansätze
  • La Via del Profumo Sharif – Oriental als Naturparfüm
  • Echtes Oud – einzigartig und „back to the roots“, derweil als Marketing-Tool (meist in synthetischer Form) der letzte Schrei.
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Über Dr. Tom Clark 10 Artikel

Dr. Tom Clark ist der Duftexperte auf Stilmagazin.com. Seine weitreichenden Kenntnisse und großes Hintergrundwissen werden Sie faszinieren. Seine Kolumne „Mannesduft“ hält einige Überraschungen für Sie bereit.

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