Eine italienische Begegnung oder die Frage, was ein Hemd kosten darf

Niemand, der einmal einen Arbeitstag lang ein qualitativ minderwertiges Hemd, übelstenfalls gar ein „bügelfrei“ ausgerüstetes Exemplar an einem heißen Tag er.tragen hat, kann bezweifeln, dass unabdingbares Rüstzeug einer stilechten Wohlfühl-Garderobe ein perfekt verarbeitetes Hemd aus hochwertiger Wolle mit einer optimalen Passform ist.

Allein die Frage drängt sich jedem Nichtoligarchen auf: Was darf solcher Luxus kosten ?

Sicher werden sich nicht viele Stimmen dagegen erheben, wenn wir den deutschen Traditionshersteller Van Laack als Meßlatte für den gehobenen Anspruch betrachten. Ein Hemd dieses Labels – unverständlicherweise zu gut 80% nicht mit einer Umschlagmanschette ausgerüstet – kostet gute 140,00 – 180,00 Euro, womit man sich alle gängigen Wünsche an die erste Schicht der Oberbekleidung erfüllt.

Ich selbst trage solche Hemden in Abwechslung mit made-to-measure-Produkten von Emanuel Berg, und ich war stets zufrieden und fühlte mich wohlgewandet, bis mir unlängst bei einem dem Shopping gewidmeten Samstag in der Kölner City im Schaufenster des charmanten Herrenausstatters Gerd Mildt der Schlüsselreiz aller Wirtschaftskrisen-Geschüttelten hinter die G15-Gläser der geleasten Aviator sprang: „Räumungsverkauf – 50%“. Ich enterte das Geschäft wie Captain Jack Sparrow eine Schaluppe.

Ohne hier auf die wunderschöne Atmosphäre in Mildts Atelier einzugehen, entdecke ich in einem dunkelbraunen Holzregal, welches den Savile Row – Hauch bei Mildt mitverantwortet, eine kleine Reihe perlmuttfarben schimmernder Kartons, in denen Hemden der italienischen Manufaktur MAROL de Bologna schlummerten. Ich hatte diesen Namen bislang nie gelesen oder wahrgenommen, was sich sehr schnell erklären ließ:

Die Hemden haben einen Ladenverkaufspreis von 249,00 – 299,00 Euro, was vor dem inneren Auge des Nostalgikers in mir einen 500,00 D-Mark – Schein knistern läßt, vielleicht erinnert sich ein ebenfalls retrogard geneigter Mitkonsument, welche Kaufkraft diese Summe im Jahre der Ablösung 2002 gehabt hat: Ein 3teiliger Super 100- Anzug aus dem BOSS-Outlet in Metzingen war damit gut zu kaufen, und eine Krawatte des selben Labels war auch noch drin.

Wie dem auch sei, lagen dann geöffnet 3 der Perlenkästchen auf dem Tisch vor mir, und im Seidenpapier kuschelten sich neben einem champagnerfarbenen Exemplar zwei Hemden in Blau-Tönen, die den strahlenden Augen von Dr. House im Schimmern in nichts nachstanden. Und das Beste: Alle hatten Umschlagmanschetten, die einzige zulässige Art, seine Handgelenke formvollendet zu umschließen.

Mutig geworden angesichts der lockenden 50% Preiserleichterung, zuckte die gierige Hand zu dem helleren der blauen Kunstwerke. Mein- und es war mit der ersten Berührung MEIN – MAROL-Hemd hat eine Farbe, der die Beschreibung „blau“ ebenso nicht gerecht wird wie Bezeichnung „schön“ der jungen Ursula Andress 1962 in „James Bond jagt Dr. No“. Mein MAROL-Hemd ist atemberaubend bleu, es schimmert seiden und ist doch blickfest, das Bleu changiert je nach Lichteinfall und Blickrichtung.

Herr Mildt jun. erklärte mir mit wissender Freude im Blick, dass solche Hemden gemacht werden für Eingeweihte, gleichsam für Liebhaber, und was würde einem Liebhaber mehr entsprechen als ein italienisches Hemd, von Hand genäht, beschenkt mit fest angenähten Knöpfen aus dickem, eben luxuriösem Perlmutt und Knopflöchern, deren Anfertigung mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Produktion eines ganzen Serienhemdes. Wenn manN lange genug nachspürt und gar einen Prosecco ob der neuen Begegnung mit der schönen Kunst des Schneiderns eingießt, fühlt man die Zeit Casanovas in dem Hautschmeicheln eines solchen Hemd, und man fragt sich, ob er wohl einer Errungenschaft erlaubt hätte, die Perlmuttknöpfe im Rausch der Leidenschaft abzureissen. Ursula Andress hätte gedurft, da bin ich sicher, so wahr ich Casanova bin.

Ich habe das Hemd gekauft, für 125,00 Euro, ich habe es gewaschen und getragen – zwar lagen mir damit keine Damen zu Füssen, auch kam ich nicht in die Verlegenheit, die Perlmuttknöpfe verteidigen zu müssen; aber nach einem langen Arbeitstag mit hohen Temperaturen in der Luft und Krawatte um den Hals fühlte ich mich noch immer so, wie ich mich in einem Hemd fühlen möchte: Gut angezogen, vom Stoff gestreichelt und bereit, amore mio in die Arme zu schließen.

Epilog

Unsere eingangs gestellte Frage nach dem sozialverträglichen Preis eines Hemdes möge ein jeder mit seinem Portemonnaie oder seinem freundlichen Bankberater diskutieren, oder sich mit der Rolls-Royce-Weisheit bescheiden, dass zu teuer ist, nach dessen Preis man fragen muß. Ich selbst werde ohne Verlust an Freude weiterhin Van Laack und Emanuel Berg-Hemden mit der Gewissheit tragen, hohe Qualität zu einem akzeptierbaren Preis um mich zu haben – aber manchmal, wenn wieder einmal ein Räumungsverkauf oder eine andere Occasion zu entdecken ist, werde ich nach MAROL Ausschau halten, denn auch ich bin jetzt ein Liebhaber.

Übrigens, die Manufaktur MAROL wurde in Bologna 1959 von Rosanna Saguatti and Luciano Vignudelli gegründet. Heute leiten die Tochter Manuela und ihr Mann Paolo das Unternehmen, in dem alle guten Traditionen des Schneiderhandwerks und der Anspruch an höchsten Standard weiterhin die Grundlagen von Hemden für Connaiseure sind.

Über Lars Hallatsch

Lars Hallatsch, 40, ist freier Journalist, Dozent in der Erwachsenenbildung und berät Führungs- und Nachwuchskräfte im Bereich Soft-Skill-Engineering. Er trägt bevorzugt Krawatte, Einstecktuch und Kniestrümpfe in gleicher Coloration.

In Category: Magazin

Lars Hallatsch

Lars Hallatsch lebt und arbeitet als freier Journalist, Autor, Seminarleiter und Coach bei Köln und bei München. Stil und Style für Herren sind seine Leidenschaften, wobei ihm wichtig ist, das Authentizität immer die Basis jeden Outfits ist.

Show 4 Comments
  • Martin Richter 19. April 2009, 10:42

    Sehr schön zu lesender Artikel , vielen Dank dafür.
    In Zukunft werde ich die Augen offen halten nach dieser Marke, vielleicht habe ich auch eines Tages Glück so ein Schmuckstück auf der Haut tragen zu dürfen.

    mfG

  • Ludwig Ebert-Eßer 19. April 2009, 12:11

    Wunderbarer Artikel, danke dafür. Die damit verbundenen Gefühle habe ich kürzlich beim Kauf eines Borelli-Hemdes zum Originalpreis erlebt. So nach dem Motto: Jetzt mache ich mal was total unvernünftiges! Kein Vergleich mit Van Laack & Co. Das Hemd verfügt über ALLE Qualitätsmerkmale des Luxushemdes und trägt sich (vor allem am Kragen) derartig sensationell, dass ich regelrecht angefixt bin. Vielleicht einfach nicht mehr so viele Hemden kaufen und dafür nur noch solche. Andererseits gibt es ja noch den Impulskauf…..:-)

  • TD 3. April 2016, 13:03

    Unglaublich, dass ihnen mit diesem Hemd keine Frau zu Füßen lag. Es ist ein Vergnügen ein marol Hemd zu bügeln. Vielleicht hätten sie das in ihrem Artikel noch erwähnen sollen.

Kommentar schreiben