Lost!

Erinnern Sie sich noch an das große Zittern auf den Hebriden? Nicht wegen der Kälte, sondern des Tweedes wegen, den der neue Besitzer des Beinahe-Monopolisten Kenneth McKenzie Ltd. auf vier konventionelle Muster reduziert hatte. Unvorstellbar war für Harris Tweed Aficionados die Vorstellung, viele der klassischen Patterns könnten nie wieder verfügbar sein. Als Parfümliebhaber durchlebt man diese Ängste quasi ständig. Nicht genug damit, dass Klassiker laufend in ihrer Rezeptur verändert werden: ganz große Düfte, die eben manchmal nur eine vergleichsweise kleine, stilbewusste Fangemeinde haben, werden allzu oft vom Hersteller fallengelassen, oder bei Übernahme der Lizenz durch neue Besitzer aus dem Portfolio getilgt. Eine Tragödie, sind doch solche meist über viele Jahre lieb gewonnenen Parfüms Teil der eigenen Identität geworden, dem dann in jahrelangen Expeditionen verzweifelt hinterher gejagt wird. Ein 5ml Miniaturflakon bei ebay für €50 kann da schon mal wie der rettende Schluck Wasser in der Sahara erscheinen – und der ranzige Inhalt so niederschmetternd wie eine Fata Morgana.

Nicht selten entstehen um solche Düfte bei Rasurfreaks und Parfümfans regelrechte Kulte, Trost- Jagd- und Petitionsgemeinschaften, in denen man klagt und wütet, letzte Milliliterreste im Flakon sakralisiert werden und mächtige Hohepriester mit gebunkerten Vorräten ihre Gnade walten lassen (meistens gegen bare Münze oder im Tausch gegen andere Reliquien). Und natürlich gibt es die großen Schliemann-Momente, wenn man auf einem Bazar in Singapur das heiß ersehnte Elixier für $30 erspäht, ein heiliger Gral, den, parsifalsgleich, nur der suchende Tor als solchen erkennt.

Vom kollektiven Kulturverlust bis zum persönlichen Duftatlantis, die Zahl „verlorener Schätze“ ist groß und die Ursachen ihres Verschwindens mannigfaltig. Da wären z.B. zwei allgemein anerkannte Meilensteine der Parfümerie: Patou pour homme (1980) und Patou pour homme privé (1994), Kreationen des Großmeisters Jean Kerleo, genre-sprengende (ph ist ein orientalisches Chypre, Privé ein orientaleskes Fougère), in Qualität und Könnerschaft unerreichte Werke des französischen Stils, hochkomplex, aber mit perfektem „blending“ der Rohmaterialien – und, jenseits aller Kunst, ein purer Sinnesrausch (jeder der Privé mal in der Nase hatte, schwärmt auf ewig von der platonisch-essentiellen Lavendelnote). Warum Procter & Gamble, der multinationale Inhaber der Patou-Lizenz diese Düfte nicht wieder auflegt, ist ein Rätsel, viele Kenner würden fast jeden Preis dafür zahlen. Vielleicht ist man dort zu sehr mit der Fließbandproduktion austauschbarer Hugo Boss Düfte beschäftigt…

Signoricci (1976 – ursprünglich Signoricci 2, da es bereits 1965 ein gleichnamiges Parfüm gab) von Nina Ricci gibt es zwar dem Namen nach noch, doch hat der heutige Duft mit seinem Vorläufer im Tweed-Karton (allein schon deswegen ein Muss) kaum noch etwas gemein. Dieses war der ultimative Duft für den Gentleman, „sophisticated citrus“ zwischen Eau de Cologne und Eau de Toilette, der kultivierte Bruder von Diors Eau Sauvage. Zum italienischen Maßanzug ist schlicht nichts Passenderes vorstellbar – dieser dürfte allerdings wesentlich leichter zu beschaffen sein.

Von den Geschichtsklitterungen des Parfümhauses Creed mag man halten, was man will, aber gerade unter der ersten Generation Düfte aus den 70er/80er Jahren befinden sich geniale Schöpfungen im traditionellen Stil, welche für Liebhaber klassischer Bekleidung wie gemacht erscheinen. Bois de Santal ist schon länger verschwunden, aber erst seit kurzem verschollen ist das von Connoisseuren innig geliebte Private Collection Tabarôme (nicht mit Tabarôme Millésime zu verwechseln), ein hochkomplexer, floral-ledriger dunkler Tabakduft, den man auch als englischen Herrenclub in Flaschen bezeichnen könnte. Wer Zigarren, Port, Tweed, Mahagoni und große alte Ledersessel liebt, sollte ihn einmal im Leben geschnuppert haben.

Fast schon im Reiche des Mythos findet sich Chanels Bois Noir, das 1987 so diskret erschien, wie es wieder verschwand, ersetzt vom marktgerechteren Beta-Klon Egoiste. Nur wenige haben das Original jemals gerochen, es soll konzentrierter, üppiger in den edlen Sandel- und Rosenholznoten und insgesamt runder und nobler duften.

Ein eher persönlicher Fetisch des Autors (und ein paar anglophiler Rasurfans) ist das vergessene Londoner Haus Dukes of Pall Mall, dass 1983 die klassischen englischen Düfte und Aftershaves Cotswold (floral-zitrus, für das country weekend) und Belgravia (dezent süssliches Fougère, für die City) herausbrachte, leider ohne anhaltenden Erfolg. Nach der Begeisterung über die unfassbare Qualität des auf der Online-Resterampe zufällig erworbenen Cotswolds Aftershaves begann die Suche nach dem dazugehörigen Parfüm und schließlich nach dem urbanen Bruder Belgravia, die erst mit dem Geschenk eines lieben Athener Parfümfreundes endete. Es wären noch viele bedauernswerte Geschichten zu erzählen, über große Herrendüfte, die zuviel Charakter (und teure Öle?) besaßen, um sich im harten Duftmarkt zu behaupten: über das rauchige Sagamore von Lancome, das minimalistische ledrige Chypre Jil Sander Man Pure, das prächtige Versailles pour homme von Jean Desprez oder Dunhill Blend 30. Aber das schönste Ende ist das glückliche: das große Mouchoir de Monsieur von Guerlain, geschaffen 1904 als männliches Pendant zu Jicky und der ultimative Duft des ernsthaften Dandys, verschwand irgendwann vom Markt und wurde seitdem ausschließlich für den französischen Schauspieler Jean-Claude Brialy und für König Juan Carlos von Spanien hergestellt. Mitte der 90er meinte Guerlain dann aber wohl, man könne einen solchen Klassiker der Öffentlichkeit nicht länger vorenthalten und der verlorene Schatz wurde wieder gehoben. Man sollte sich dem Genuss hingeben, ehe es (wieder) zu spät ist.

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Über Dr. Tom Clark 10 Artikel

Dr. Tom Clark ist der Duftexperte auf Stilmagazin.com. Seine weitreichenden Kenntnisse und großes Hintergrundwissen werden Sie faszinieren. Seine Kolumne „Mannesduft“ hält einige Überraschungen für Sie bereit.

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