Tipps zum Stoffeinkauf

Ein guter Anzug muss in erster Linie eins: gut passen — dem Träger und zum Träger. Ein sehr guter Anzug besteht darüber hinaus auch aus allerbesten Materialien: Futter aus Bembergseide, Einlagen aus Rosshaar und Leinen, Nähgarn aus Seide und Oberstoffen aus Wolle, Leinen oder Baumwolle. Doch was unterscheidet mittelmäßigen von gutem Stoff? Woran erkennt man, ob ein Gewebe haltbar und angenehm zu tragen ist? Worauf sollte man beim Kauf achten? Hier einige Tipps:

Natürlich ist jeder Anzug nur so gut wie seine Passform. Ein perfekt geschnittener Anzug aus mittelmäßigem Stoff wird im Zweifelsfall immer besser aussehen als einer aus hochwertigem Tuch aus Wolle und Kaschmir, der vom Körper seines Trägers hängt wie ein Kartoffelsack. Deshalb sollte beim Kauf zuerst die Passform und dann die Qualität eine Rolle spielen. Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten sollte man sich dann aber stets für das bestmögliche Tuch entscheiden. Nur so besteht die Möglichkeit, maximalen, das heißt langjährigen, Nutzen aus dem neuen Anzug zu ziehen. Achten Sie darauf, dass der Oberstoff ausschließlich aus natürlichen Fasern besteht. Nylon und Konsorten mögen in der Sportkleidung mittlerweile alltäglich sein; in einem traditionell verarbeiteten Anzug haben sie hingegen nichts zu suchen. Das Innenleben des Anzuges besteht aus Naturmaterialien und soll zusammen mit dem Oberstoff die eingebügelte Form möglichst lange halten. Nur ein Oberstoff, der ebenfalls aus Naturmaterialien besteht, kann diese Anforderungen erfüllen.

Für Anzüge kommen in der Regel Wolltuche zum Einsatz. Häufig werben die Hersteller hier mit immer höheren, sogenannten Super-Nummern wie beispielsweise Super 180s. Die Zahl bezieht sich dabei auf die Feinheit, beziehungsweise das Gewicht des Garns, konkret auf die Anzahl an Metern Garn, die zusammen ein Gramm wiegen; je höher die Zahl, desto feiner das Garn. „Super“ sind diese Angaben deswegen, weil man vor noch nicht all zu langer Zeit Feinheiten jenseits von 90 für absolut unmöglich gehalten hatte. Stolz auf den technologischen Fortschritt nannten und nennen Spinnereien und Webereien alle Garnfeinheiten ab 100 also Super. Lassen Sie sich jedoch nicht von diesen Zahlen verunsichern oder von geschicktem Marketing täuschen: Tuche aus feineren Garnen werden zwar mit steigender Nummer immer teurer, jedoch nicht zwangsläufig besser. Je feiner das Garn ist, desto empfindlicher, knitteranfälliger und pflegeintensiver ist der daraus gewebte Stoff. Die Bezifferungsmoral vieler Hersteller lässt zudem zu wünschen übrig, sodass viele Schneider gänzlich davon abraten, sich von dieser Angabe leiten zu lassen. Dass es auch ganz ohne Super-Nummern geht, zeigen traditionelle Tweeds oder auch Anzugtuche wie Smiths „Whole Fleece“. Hier wird, anders als sonst üblich, die gesamte Schur in einem Stoff verarbeitet, ohne sie zuvor nach Feinheitsgraden auszukämmen. Das Resultat ist nicht unbedingt als Schnäppchen zu bezeichnen, belohnt den stolzen Träger aber mit erstaunlicher Haltbarkeit und einem Griff wie in den good old days.

Qualitätstest bestanden!Guter Stoff ist, ein wenig Übung vorausgesetzt, nicht besonders schwierig von weniger gutem zu unterscheiden. Nehmen Sie den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger und drücken Sie ihn zuerst leicht, dann kräftiger zusammen: Das Gewebe sollte nicht zu nachgiebig sein und keine scharfe Kante zeigen. Lockert man den Druck, sollte der Stoff elastisch genug sein, um mühelos in seine Ausgangslage zurückzuspringen, ohne dass sichtbare Spuren im Gewebe verbleiben. Reiben Sie, ebenfalls mit Daumen und Zeigefinger, die Stoffschichten gegeneinander: Guter Stoff fühlt sich eher trocken an und zeigt leichten Widerstand, man hört ein angenehmes Knirschen. Bewegen Sie die gezupfte Stoffrolle in alle Richtungen: Wieder sollte ein leichter Widerstand und eine lebhafte Rollbewegung zu bemerken sein. Schlechter Stoff ist leblos. Gutes Tuch lässt diese Versuche gerne und geduldig über sich ergehen, ohne nennenswerte Spuren davonzutragen. Was ist schließlich einiges Zupfen im Vergleich zu einem ganzen Tag im Büro — am Körper des Trägers? Prüfen Sie Ihre Stoffe auf Herz und Nieren und Sie werden lange Freude an Ihren Anzügen haben!

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk "Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten" gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

5 Comments

  1. Stephan Görner

    9. Juni 2010 um 10:08

    Der Artikel gefällt mir gut. Vor allem der Hinweis auf die teilweise fragwürdigen Klassifizierungen der „Super“-Qualitäten ist richtig und notwendig. Trotzdem bleibt der Hinweis: das Erkennen und Bewerten eines Stoffes durch einen Laien bleibt schwierig. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte Markenstoffe erwerbven, der Hersteller mit den Bezeichnungen und Klassifizierungen sorgsam umgehen.

  2. Algy

    9. Juni 2010 um 22:20

    Vielen Dank! Wie immer sehr informativ.

  3. pierino

    10. Juni 2010 um 23:04

    Guter Artikel – wie gewohnt. Danke!

  4. M. Vennewald

    7. Oktober 2010 um 15:58

    „Je feiner das Garn ist, desto empfindlicher, knitteranfälliger und pflegeintensiver ist der daraus gewebte Stoff.“
    Stimmt nicht so ganz. Es muss nämlich das Gewicht des Tuches mit berücksichtigt werden. Ein Super 150 Tuch mit 240gr. verhält sich anders als ein Super 150 Tuch mit 310gr. Ebenso spielen Stoffzusammensetzung (bei blended wools) und die Webart eine Rolle – wenn auch diese nur untergeordnet. Der Vergleich verschiedener Tuche miteinander ist ein diffizile Angelegenheit und die Tuchauswahl sollte in allerster Linie vom Einsatzzweck (wenn denn einer vorliegt) abhängen oder dem Anspruchswunsch gerecht werden.

  5. Gerhard Mandl

    12. Oktober 2016 um 19:04

    „Ein guter Anzug muß in erster Linie eins: gut passen – dem Träger und zum Träger“.
    Muß er nicht.
    Ich schätze sehr das Schneiderhandwerk. Doch als Maßarbeit am eigenen Körper kann ich es mir nicht leisten. Also habe ich mich auf entsprechende Secondhand-Erwerbungen verlegt. Dabei ist manches einmal zu eng und einmal zu weit. Doch auch daraus läßt sich ein individueller Stil entwickeln, achtet man nur auf gute Qualität und eigenen Geschmack, mit etwas Phantasie zum Außergewöhnlichen.

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