Grundsteine einer nachhaltigen Garderobe

In Bezug auf die Frau kennt sie jeder: Die mittlerweile schon sprichwörtlichen must-haves der Garderobe, Kleidungsstücke und Accessoires, die in keinem Kleiderschrank, dessen Besitzerin etwas auf sich hält, fehlen sollten. Das Kleine Schwarze ist wohl der berühmteste Vertreter dieser Art Kleidung, die doch mehr ist als bloße Körperverhüllung. Beständig oszillierend zwischen gesellschaftlicher Angemessenheit und individueller Vielseitigkeit bietet sie Halt und Zuflucht im täglichen Trubel des Wassollichbloßanziehens.

Doch wie steht es mit Ihrer Kenntnis um solche Unverzichtbarkeiten der Herrenmode? Welche Stücke muß der Gentleman in kompromißloser Qualität in puncto Schnitt und Verarbeitung besitzen, um in der Mehrzahl der gesellschaftlichen Anlässe bestehen zu können?

Daß Sie auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage womöglich länger grübeln müssen ist durchaus legitim und vor allem leicht zu erklären. Der moderne Mann sieht sich verloren zwischen Tradition und Pseudofortschritt, ein Kodex seit langer Zeit gültiger, erprobter und deshalb zu Recht tradierter Bekleidungsvorschriften steht einer Multimillonenmaschinerie der Werbe- und sogenannten Modebranche gegenüber, die nicht müde wird, uns in Kleiderfragen zu verunsichern und einzuschüchtern, nur um uns fragwürdige Trends aus immer neuen und also noch fragwürdigeren Quellen zu verkaufen, doch: die Herrenmode tickt anders.

Das aus der Damenmode übersetzte Prinzip der sechsmonatlich wechselnden, von Designern diktierten Garderobe ist auf die Männerwelt nicht so ohne weiteres anwendbar. Der erste Weg zu einer nachhaltigen Garderobe, den ich Ihnen in Zukunft zu zeigen versuchen werde, besteht darin, genau dies zu verinnerlichen. Uns soll es in dieser Serie also nicht darum gehen, ständig neuen Trends der Modeindustrie nachzulaufen, sondern vielmehr darum, aus der Masse der Anbieter und Angebote diejenigen herauszupicken, die Bestand haben. Bestand im Hinblick auf Fertigungsgüte und Rohstoffqualität aber nicht zuletzt auch im Hinblick auf Haltbarkeit und Preis-Leistungsverhältnis. Fernab von kurzsichtiger modischer Einflußnahme und doch stets tragbar und aktuell zu sein, genau das ist der Anspruch, den Sie an Ihre Garderobe stellen sollten.

Für den Fall daß Sie all dies zum ersten mal lesen und mit dem Gebiet der klassischen Herrenmode stilistisches Neuland betreten, seien Sie gewarnt: Sie werden sich von einer Menge Ideen bezüglich Ihres Modeverständnisses verabschieden müssen. Daß der Weg zu einer guten Garderobe über einen – vor allem kurzfristig – prallgefüllten Kleiderschrank führt, zum Beispiel. Auch das Diktum klassisch=langweilig sollten Sie schleunigst aus Ihrer Vorstellung verbannen. Um das Auffälligkeitspotential Ihres Auftretens sollten Sie sich keine Gedanken machen, denn: zeitlos elegant gekleidet zu sein fällt zwar nicht aggressiv, dafür aber umso angenehmer auf.

Mit dieser Serie möchte ich Ihnen nahelegen, sich zu sensibilisieren. Zu lernen, qualitative Unterschiede zu machen und stets das gute vom besseren zu unterscheiden, kurzum: hervorragend angezogen zu sein.

Interessanterweise ist es im Grunde nicht sonderlich schwierig, in Kleiderfragen stets richtig zu liegen. Bereits wenige, mit Bedacht gewählte und unter Rücksicht auf bereits vorhandenes gekaufte Stücke genügen, um jedem Anlaß – vom Businesstermin bis zum Abendessen mit dem Chef, vom Einkaufsbummel bis zum Konzertbesuch – gewachsen zu sein. In den nächsten Wochen werde ich versuchen, Sie Stück für Stück für das zu begeistern, was ich eine capsule collection nenne, also den Kern und Ausgangspunkt aller Kombinationen, die Ihr Kleiderschrank hergibt. Nach dieser ersten, zugegebenermaßen noch etwas theoretischen Einführung, widmen wir uns ab dem nächsten Beitrag ganz konkret einzelnen Kleidungsstücken und überprüfen Sie auf Ihre Verwendbarkeit und Vielseitigkeit. Sie werden erstaunt sein, wie wandlungsfähig ein einziger Anzug unter Zuhilfenahme einiger weiterer Basics sein kann.

Bis dahin sind Sie natürlich herzlich eingeladen, sich mit anderen Lesern über die ein oder andere Kleiderfrage schon vorab auszutauschen, sei es in Kommentaren zu Artikeln oder auch im Forum. Ich freue mich auf Ihre Beiträge und werde versuchen, möglichst viele Ihrer Fragen und Anregungen in diese Serie mitaufzunehmen. Bis dahin: Be true to your tailor!

In Category: Herrengarderobe

Florian S. Küblbeck

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk "Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten" gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

Show 7 Comments
  • Stiletto 25. Februar 2009, 18:48

    Gelungene Herleitung, von der Damenwelt kommend, uns orientierungs- und ahnungslos im Strom der Bekleidungsregeln Treibenden, Halt anzubieten. Weil sich die Herrenode nicht im sechsmonatigen Rhythmus ändert, ist das vielleicht der Grund dafür, dass es auch keine wirklich guten Modezeitschriften für Herren gibt (oder keine erfolgreichen, oder habe ich die etwa übersehen)?
    Was es aber gibt, ist die Rechtschreibreform. Mir tut es heute wirklich weh, wenn ich immer noch öffentlich verbreitete Artikel nach alter Schreibweise lesen muss. Tradition hin oder her!

  • Ludwig Ebert-Eßer 26. Februar 2009, 10:01

    Danke für diesen hochinteressanten Einstieg, der Appetit auf die Fortsetzung macht. Ich bin sehr gespannt!

  • Andreas Gerads 26. Februar 2009, 11:15

    Lieber Stiletto,

    nachhaltige Garderobe und MODEzeitschriften das schließt sich ja auch beinahe auf natürliche Weise aus, n’est-ce pas? Ihr Hinweis spricht jedoch eindeutig dafür, dass das richtige richtige Nachschlagewerk zum Thema zeitlose Konjunktur hat…

    Viele Grüße

    AG

  • Florian S. Küblbeck 26. Februar 2009, 11:44

    Stiletto,

    ich gebe Ihnen vollkommen Recht, gerade auf dem Deutschen Zeitschriftenmarkt sieht es, Publikationen zur Herrenkleidung betreffend, alles andere als gut aus. Dies ist jedoch, wie Herr Gerads schon andeutet, auch nicht weiter verwunderlich: Solche Zeitschriften sollen ja primär für Umsatz sorgen, also möglichst oft erscheinen und mit stets neuen Themen immer größere Leserkreise erschließen.
    Oft erscheinen und immer neu(en), klingt das nicht kontraproduktiv im Hinblick auf die Zielsetzung dieser Reihe?

    -FSK

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