Von Einstecktüchern

Betrachten Sie ein beliebiges Photo eines gutgekleideten Herren – die heute ohnedies viel zu selten geworden sind – und Sie werden feststellen: Niemand von Ihnen würde das Haus ohne ein Einstecktuch in der Brusttasche seiner Anzugjacke verlassen. In der Tat ist das wohl zuverlässigste Indiz, das den ambitionierten dresser von der grauen Masse unterscheidet, die Anwesenheit einer irgendwie gearteten Form von Brusttaschenzier.

Das Einstecktuch ist der Form nach zunächst natürlich nichts anderes als ein Taschentuch, das seit dem Erlaß des englischen Königs Richard II, der es als unfein erklärte, sich in Hemds- oder Jackenärmel oder auf den Boden zu schnäuzen, zur täglichen Grundausstattung eines jeden Menschen zählen sollte. Das Einstecktuch ist eine Reminiszenz an Zeiten in denen es als Novum galt, ein Taschentuch zu benutzen und soll – gemäß dem englischen Sprichwort one for show and one for the sneeze – die sittliche Überlegenheit des Trägers demonstrieren – ein guter Grund auch für bisherige Stecktuchmuffel, sich mit der Materie zu befassen, oder?

Freilich mag den weniger selbstbewußten Mann das Tragen eines solchen auf den ersten Blick überflüssigen Accessoires einschüchtern oder gar abschrecken: Wer möchte schon gerne durch ein scheinbar affektiert drapiertes Stückchen Stoff in der Jackentasche auffallen? Mit übertreibener Exzentrik hat das Einstecktuch aber in etwa soviel zu tun wie gepflegte Schuhe – wenn man einige grundlegende Regeln beachtet.

Hinsichtlich Material, Farbe und genauer Größe des Einstecktuches gibt es kaum Regeln, die es sich einzuprägen lohnt; den wichtigsten Impulsgeber sollte Ihr persönlicher Geschmack darstellen. Für den Anfang ist man mit maximal drei verschiedenen Tüchern hinreichend ausgestattet, um jedes Outfit passend zu ergänzen. Sollten Sie noch kein einziges solches Tuch besitzen, so rate ich Ihnen im Zweifel zu einem aus ungemustertem weißen Leinen oder sehr feiner Baumwolle. Als Folgeanschaffung sollten Sie die Investition in ein großflächiges Muster – Paisley oder ein Motivdruck eignen sich hier besonders – in Erwägung ziehen. Die größte Auswahl an Webmustern und Drucken findet man bei den Vertretern aus Seide, die sich zweifelsohne besonders eignen, um die Jackentasche des Gentleman zu schmücken. Können Sie sich zuguterletzt noch zu einem einfarbigen Tuch – auch hier bleibt die Wahl des Stoffes Ihnen überlassen – mit kontrastierenden Kanten durchringen, ist Ihre Grundausstattung perfekt.

Die Kanten des Tuches sollten stets handrolliert sein. Hierbei wird der Saum nicht einfach umgeschlagen und mit der Nähmaschine abgesteppt, sondern eng eingerollt, nicht umgebügelt und mit sehr feinen Handstichen fast unsichtbar fixiert. Diese Verarbeitungsvariante sieht nicht nur wunderschön aus, sondern trägt auch zur dauerhaften Benutzbarkeit des Tuches bei, da so gearbeitet Nähte besser auf temperatur- oder feuchtigkeitsbedingte Oberflächenveränderungen des Gewebes reagieren können. Davon abgesehen sind handrollierte Tücher besser in die Tasche zu falten, als Ihre maschinengefertigten Pendants. Bei Baumwoll- und besonders Leinentüchern findet man vereinzelt auch die sogenannte Hohlsaumverarbeitung vor, bei der am Saum eine Art feines Lochmuster eingearbeitet wird. Vielen Herren wirkt diese Verarbeitungsvariante aber zu feminin und auffällig. Sollten Sie trotzdem Gefallen daran finden, greifen Sie ruhig zu, Sie werden nur noch selten Tücher in dieser traditionellen Machart finden.

Achten Sie darauf, daß die Farben, für die Sie sich entscheiden, mit Ihrer übrigen Garderobe harmonieren, ohne dabei zu viele Farbtöne oder Motive dieser aufzugreifen. Anfangs mag das etwas schwierig nachzuvollziehen und auszuführen sein, mit der Zeit werden Sie jedoch die nötige Sicherheit in Kombinationsfragen erlangen, um auch einmal mit komplexeren Mustern – Punkten, englischen neat designs, Streifen oder Karos – zu experimentieren. Afficionados schrecken auch vor dem Gebrauch von Tüchern aus Schurwolle oder gar Kaschmir oder indischer Batikseide nicht zurück – mit hervorragenden Resultaten.

Ob Sie dabei eine gerade Faltung oder einen etwas auffälligern Bausch bevorzugen, ist letztendlich gleichgültig. Schön anzusehen sind eigentlich alle Faltungsvarianten, vorausgesetzt, Sie passen zum Träger, sowie zum Anlaß und Outfit. Auch hier führt der einfachste Weg über das persönliche Experiment.

Das abgebildete Leinentuch stammt von Kent Wang, der auch Tücher aus feiner Baumwolle und verschiedenartig gemusterter wie enfarbiger Seide anbietet. Jedoch werden Sie auch bei jedem anständigen Herrenausstatter eine hinreichend große Auswahl schöner Tücher vorfinden. Machen Sie mir doch eine kleine Freude und zeigen Sie im Forum Ihre Kombinationen von Jacke, Hemd, Krawatte und Einstecktuch!

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Über Florian S. Küblbeck 186 Artikel

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk „Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten“ gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

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