Zu Besuch bei Handmacher in Wels

Nachdem wir Ihnen in der Vergangenheit bereits einige Deutsche und Englische Betriebe für feine Herrenkleidung und -accessoires präsentieren durften, wird es Zeit, einen Blick ins nahe Österreich zu werfen. Und was läge näher als hier zuerst an Schuhe zu denken? Im Bereich Maßkonfektion konnte sich hier vor allem Handmacher einen europaweiten Ruf als Hersteller soldien und typisch österreichischen Schuhwerks erwerben.

Die Firma Handmacher besetzt innerhalb der europäischen Schuhindustrie eine interessante Nische: Preispolitisch wird in erster Linie die Ein- und Aufstiegsklasse im Segment der hochwertigen Schuhmode angesprochen, jedoch ohne die in der Industrie mittlerweile üblichen Kompromisse im Bezug auf die Fertigungsgüte. Auf das mittlerweile in synonymer Verwendung von „qualitativ“ vermarktete Prädikat „rahmengenäht“ wird bewusst verzichtet, nicht zuletzt wegen der gezielten Kundenverwirrung, die mit diesem Begriff nur allzu oft betrieben wird. Stattdessen sind alle Schuhe von Handmacher holzgenagelt. Diese der Rahmennäherei ebenbürtige Machart ist in Österreich seit Anbeginn der Schuhmachertradition beheimatet und kommt in ihrer Reinform gänzlich ohne fixierende Nähte im Sohlenbereich aus. Der Rahmen wird unter Zuhilfenahme vieler gekochter Holzstifte in ein bis drei Reihen fest mit Schaft, Brand- und Laufsohle verbunden und sorgt somit für optimalen Halt und Flexibilität. Dabei ist ein Schuh dieser Machart schnell, unkompliziert und kostengünstig zu reparieren ohne dem rahmengenähten Schuh in Sachen Haltbarkeit nachzustehen. Handmacher verwendet für alle diese Schritte als einziger noch existierender Betrieb die mittlerweile selten gewordenen und eigens für die heutige Produktion behutsam umgebauten Holznagelmaschinen.

Doch nicht nur die Verarbeitungstechnik stellt sich bei Handmacher bewusst und stolz in die Tradition österreich-ungarischer Schuhmacherkunst, auch die Leistenformen und Schaftvarianten charakterisiert die für diese Schule typische Optik: Vom Wiener bis zum Budapester, vom Norweger bis zum Haferlschuh — Handmacher bedient das klassische Segment der Schuhmode mit allen traditionellen Schaftformen auf derzeit drei Leistenformen. Der Standardleisten ist typisch wienerisch: Asymmetrisch, mit leicht erhöhter und spitzrunder Zehenkappe, am Schaft klassischerweise offen geschnürt. Die Primus-Linie basiert auf ungarisch inspirierten Leisten: Etwas langgezogener und im Zehenbereich flacher, dabei in der Sohlenkrümmung geringfügig verändert. Zuguterletzt bietet Handmacher seit kurzem auch eine Trend-Linie, die mit ihrer modernisierten Formensprache vornehmlich junge Kundschaft ansprechen soll. Alle diese Leistenformen werden in drei Weiten und zwei Risthöhen Angeboten. Darüberhinaus kann der Schuh der eigenen Fußform durch eine Auswahl an Sohleneinlagen, Fußbettformen und Teilsohlen angepasst werden, um jedem Käufer ein möglichst individuelles Trageerlebnis zu ermöglichen. Diese Anpassungen können, ist der Anprobeprozess einmal durchlaufen, bereits ab Werk in den Schuh integriert werden, sodass der Kunde künftig nurmehr Schaftform und Ledervariante, Sohle und Beschläge wählen muss und seinen maßkonfektionierten Schuh innerhalb von vier Wochen in Händen halten kann.

Àpropos wählen: Handmacher bietet nicht weniger als 35 Lederarten — darunter feinstes Kalbleder, Scotchgrain und Kalbbox — und vier Sohlenvarianten. Darüber hinaus kann zu jedem Leder der passende Gürtel und auch eine entsprechende Aktentasche in zwei Größen geordert werden.
Der Vertrieb erfolgt über Partner, meist selbst Schuhmacher, die den Kunden in seiner Wahl von Leistenform, Lederart, Farbe und Sohlenfinish beraten, sowie den Schuh für Wartungsarbeiten annehmen und an Handmacher weiterleiten. Alle Reparaturen werden in eigener Werkstätte zeitnah und kostengünstig ausgeführt. So sehen selbst jahrelang getragene Schuhe nach einer Runderneuerung fast wieder aus wie am ersten Tag.

Demnächst werden wir Ihnen zudem einen Handmacher-Schuh genauer vorstellen, der uns hierfür freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Bleiben Sie neugierig!

Händleradressen und Werkskontakt über:
HANDMACHER
Helga Kovar OG
Ringstraße 3
A-4600 Wels
Tel. +43/7242/61662
Fax +43/7242/207677

Florian S. Küblbeck ist freier Journalist und schreibt vor allem über Mode, Stil und Genuss. Mit seinem Erstwerk "Was Mann trägt: Gut angezogen in zwölf Schritten" gab er 2013 sein Debüt als Buchautor.

13 Comments

  1. RichardS

    9. Dezember 2009 um 11:18

    Handmacher bietet sicher einen guten und günstigen Einstieg in die Welt von Qualitätsschuhen.

    Davon, dass die Holznaglerei der Rahmennäherei ebenbürtig sei, kann meinem Schuhmacher zufolge, mit dem ich vor einigen Tagen über dieses Thema gesprochen habe, keine Rede sein. Er – der beide Macharten anbietet – ist der festen Überzeugung, dass die Rahmennäherei die qualitativ bessere Variante sei…

  2. Florian S. Küblbeck

    9. Dezember 2009 um 12:41

    Ihrem Schuhmacher würden wohl etwa so viele Kollegen zustimmen wie widersprechen, auch jene miteinbezogen, die beide Macharten anbieten. Allerdings sieht man weitaus seltener Schuhe, die vorgeben, von Hand holzgenagelt zu sein und dies dann nicht sind, als es bei den rahmengenähten -leider- der Fall ist. Ich kenne einige (Wiener) Schuhmacher, die auf die Arbeit mit Holznägeln nichts kommen lassen. Sicherlich eine Frage der Tradition, wie auch bei den rahmengenähten.

  3. fritzl

    9. Dezember 2009 um 17:34

    lieber richard,

    wie oft muss diese diskussion noch auf diesem peinlichen niveau geführt werden. mir reicht der bengal als nestbeschmutzer.

    bist doch ein netter und kluger bursch.

  4. jose

    9. Dezember 2009 um 19:38

    Dann bin ich gespannt auf die Vorstellung des Ansichtsexemplars.
    Hoffentlich wird hier etwas differenzierter und jenseits der Katalogprosa informiert werden.
    Selbst der Kurztext auf der Manufactum-Seite ist diesbezüglich gehaltvoller.

    Zum Thema Holznageln (jenseits der lokalpatriotisch bedingten Eifersüchteleien…) :
    Hier sollte ebenfalls genauer hingesehen werden.
    Es nützt wenig einen Dreisprung zwischen dem RTW von Handmacher, den gerne zitierten „Wiener Schuhmachern“ und dem Prädikat „rahmengenäht“ irgendwelcher RTW-Hersteller zu versuchen.

    Bekanntlich liegen dort Welten zwischen oder, wie Sie es formulieren, „Kompromisse im Bezug auf die Fertigungsgüte“.
    Viel Erfolg !

  5. fritzl

    9. Dezember 2009 um 21:06

    lieber jose,

    es sind, zumindest meinerseits, keine eifersüchteleien.

    nur wenn jemand ernsthaft glaubt, dass die holzgenagelte methode damit auskommt einen herrenschuh zusammenzuhalten, ohne dass das innenleben vernäht wurde, der ist imo auf dem sprichwörtlichen holzweg.

    die holznägel dienen in erster linie dazu, die sohle bombenfest mit dem oberteil zu verbinden und ragen maximal mit dem spitzerl in den bereits vernähten rahmen hinein.

    habe d’ehre, g’schamster diener

  6. Stephan Görner

    9. Dezember 2009 um 22:09

    Die Handmacher Schuhe sind sehr schöne Einsteigerschuhe, die für einen vernünftigen Preis angeboten werden und deren Maßkonfektions-Baukastensystem eine breite Palette der Individualisierung ermöglichen.

  7. RichardS

    10. Dezember 2009 um 13:02

    Welches peinliche Niveau meinst du?
    Ich habe doch nur wiedergegeben, was mein (mit jahrzehntelanger Erfahrung gesegneter) Schuhmacher mir gesagt hat. Er hat nicht gesagt, dass die Methode per se schlecht ist, er sprach nur von einer Höherwertigkeit der Rahmennäherei.
    Im übrigen hat er mir ein (holzgenageltes) Paar Schuhe seines Urgroßvaters (!) gezeigt, das noch einen tadellosen Eindruck machte.

  8. fritzl

    10. Dezember 2009 um 18:02

    vielleicht kann er es noch ein wenig genauer ausführen, damit ich den unterschied, den er meint, besser verstehe. danke

  9. Pingback: Welche Schuhe für Einsteiger? Ein Vergleich. - Stilmagazin

  10. Thomas Hilbrandt

    27. April 2012 um 20:09

    Thomas Hilbrandt – Schuhmacher – Hamburg
    Rahmengenäht bedeutet : mit Pechdraht , in Handarbeit , durch die Rissbahn der rangierten Lederbrandsohle eingestochener Schuh
    Goodyear Welted bedeutet : durch ein auf die Brandsohle geklebtes Textilband , maschinell genähter Schuh
    Holzgenagelt bedeutet : durch die mindestens 4mm dicke Lederbrandsohle , maschinell , mit 8mm langen Holznägeln genagelter Schuh

    Allein die Art der Bodenbefstigung macht noch keinen guten Schuh . Die Qualität der Bodenleder und Steifkappen und nicht zuletzt
    die Güte der Oberleder machen die Handmacher-Schuhe zu einem Premium Produkt , welches ich der chinesischen Massenware
    in Goodyear-Welted Machart vorziehe .

  11. Pingback: Kuhn Maßkonfektion - Bilder vom Werksbesuch | Stilmagazin - Stilmagazin

  12. plinius

    27. September 2013 um 21:35

    Sehr geehrte Herren! Lassen Sie sich nicht verwirren und gestehen sie Testberichten nicht mehr Autorität zu, als ihnen gebührt. Jedes Produkt, sei es aus einer Manufaktur oder aus einem hoch arbeitsteiligen Industrieprozess hat Vor-und Nachteile.Niemand kann Ihnen den Wohlfühlgrad, die Qualitätsanmutung und das subjektiv empfundene soziale Prestige beim Tragen verschiedener Schuhfabrikate abnehmen. Ich empfehle, machen Sie es wie ich: Kaufen Sie Ihnen sympathisch erscheinende Modelle, tragen sie Sie und finden Sie das für Sie ideale Modell.Nichts geht über persönliches Erfahren – viel Vergnügen.

  13. Heiko Biehler

    14. Januar 2017 um 00:29

    Die Schuhe werden in Tschechien gefertigt. Handmacher.at soll etwas anderes suggerieren. Ich hatte ein paar, was auch techt haltbar war. Hat sich dem Fuß aber nicht HT so gut angepasst, wie die üblicherweise ein rahmengenähter Schuh tut. Vom Preis her schon etwas gehoben.

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