Zurück zur Natur?

In der Kolumne Polyesterparfüms habe ich zu zeigen versucht, dass synthetische Duftstoffe integraler Bestandteil der klassischen Parfümeriekunst sind und ihr schlechter Ruf erstens verlogenen Werbe-Mythen von Natürlichkeit und zweitens ihrem zu oft rein kostenorientierten Einsatz geschuldet ist, der qualitätsmindernd statt ästhetisch erhöhend wirkt. Demnach könnte man nun meinen, dass Naturparfüms, die bewusst auf solche Materialien verzichten, ein ideologischer Irrweg sind: Marketinggag, esoterisch angehauchter Quark, parfümistisches Gutmenschentum. Falsch! Halten wir jedoch zunächst fest, dass die Mythenbildung bezüglich des Naturparfüms derjenigen des Mainstream in nichts nachsteht:

1. Naturparfüms sind für Träger nicht grundsätzlich gesünder, das allergene Potenzial natürlicher ätherischer Öle kann je nach Träger aufgrund der hohen Zahl an Sekundärstoffen sogar höher liegen als bei monomolekularen Synthetika. Instabilere Naturöle können zudem schnell ranzig werden und minderwertige Qualitäten verunreinigt sein.

2. Tierische Produkte wie Castoreum (von Bibern), Zibet (von Zibet“katzen“, Ambergris (aus Walmägen) oder gar Moschus (vom Moschusreh) muß man als ethisch problematisch einstufen, da sie mit Tierquälerei bzw. potenzieller Ausrottung einhergehen. Letzteres gilt auch für teils im illegalen Raub- oder nicht-nachhaltigem Anbau gewonnene Öle wie Sandel- Adler- und Rosenholz. Es ist also wie mit Biosprit – was oberflächlich natürlich und daher gut erscheint, ist es bei näherem Hinsehen beileibe nicht immer.

3. Es kommt noch hinzu, dass Naturparfüms, gerade weil ihnen das synthetische Rückgrat fehlt, oft plump, diffus und kurzlebig, also ästhetisch auf dem Niveau von Gesundheitssandalen und Dinkelknäckebrot stehen.

 Daher stellt sich die Frage: what’s the point, und warum befinden sich etliche solcher Essenzen auch in meinem Parfümschrank? Die Antwort ist einfach:

  1. Weil sie gut riechen, wenn sie gut gemacht sind
  2. Weil sie auf faszinierende Art anders riechen als teilsynthetische Düfte und ihrer ganz eigenen Ästhetik folgen. Das geht bis zur Epiphanie.
  3. Weil sie eine enorme handwerkliche Herausforderung für Parfümeure darstellen, weshalb sich früher oder später sehr begabte Nasen an ihnen versuchen. Inzwischen hat die Naturparfümerie phänomenale Fortschritte gemacht und von der klassischen Parfümkunst viel über Struktur und Komposition gelernt. Die besten Produkte können sich heute mit der Spitze der klassischen haute parfumerie messen.

 Kann man aber die Spezifizität von Naturparfüms in ihrer inzwischen beeindruckenden Bandbreite fassen? Mit der wachsenden Nachfrage nach Natur und „Öko“ ist auch dieser Markt inzwischen komplexer geworden. Eine grobe Strukturierung der Anbieter könnte so aussehen:

Zunächst gibt es die in der Naturkosmetik tätigen Firmen, bzw. Produzenten ätherischer Öle, die teils aus der alten Ökobewegung kommen und dementsprechend ihre Produkte über Bioläden und Märkte  vertreiben (Lavera,  Farfalla etc.). Erfahrungsgemäß haben diese Parfüms einen aromatherapeutischen Ruch und sind selten große Kunstwerke.  Ihre Stärken liegen bei einfachen, oft zitrisch orientierten Kompositionen, bei denen die Ölqualität eine große Rolle spielt und Synthetik oft nicht überzeugt. Gelungene Beispiele sind Farfalla Uomo, eine sommerliche Minz-Zitrus Komposition oder das frische Vetiver, ebenso wie das französische Florame pour homme aus Zitrus, Zeder und einer Vielzahl weiterer Natur- und Bioöle.

Aber auch im High-End-Bereich angesiedelte Naturkosmetikfirmen entwickeln heutzutage Parfümlinien. Zu nenne wäre etwa Aveda, deren Düfte nicht nur natürlich, sondern inzwischen auch biozertifiziert sind und von Ko-ichi Shiozawa recht anspruchsvoll gestaltet werden, oder die australische Firma Aesop, deren Produkte selbst den naturparfümkritischen Luca Turin mit ihrer harzigen Archaik begeisterten. Aus Australien stammt auch die erste Öko-Direktmarketingfirma, Miessence, welche eine Parfümserie im Angebot hat. Für das Vertriebsmodell typisch sind die gesalzenen Preise. Die in den Parfüms verwendeten Öle sind indes auch hochwertig, ästhethisch vermögen die Kompositionen nur bedingt zu überzeugen. Wild hat allerdings eine ansprechend schmutzige Floralität nach französischer Manier.

Der Nischenmarkt wartet inzwischen mit einigen Naturparfümlinien auf. Aus Karlsruhe stammt die 2000 gegründete Duftmanufaktur Florascent, die sich barockes Parfümhandwerk zum Vorbild macht. Die Duftpalette ist ausgesprochen groß und, wie bei den konventionellen Kollegen, durchaus uneinheitlich. Begeisterung hat das etwas andere Eau de Cologne Regia mit seiner Assoziation an nächtlich blühende Scheinakazien ausgelöst und Vetyver aus der Herrenlinie ist ebenfalls hervorragend gelungen. Probieren ist empfohlen. Olivia Giacobetti, die Meisterin der Transparenz, zeichnet für die leichten Parfüms von Honoré des Près verantwortlich. Rolling Stone Ron Wood Ex-Frau mag mit ihrer Jo Wood Linie auf den ersten Blick einen fragwürdigen „Ed Hardy meets New Age-Öko-Tante“ Eindruck machen, aber ihr Duft Usiku ist ein höchst gelungener, angenehmer und eigenständiger Duft mit frischen und warmen asiatischen Gewürznoten. In den USA wimmelt es geradezu von Natur- und Bioparfümlinien wie Strange Invisible Perfumes aus Kalifornien oder Tsi-La Organics in Pennsylvania und die Hipness-Rotation erreicht bald schon die Geschwindigkeit des konventionellen Marktes.

Auch konventionelle Häuser versuchen sich gerne an dem Naturtrend und die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen. Lorenzo Villoresi, ein Kenner alter Duftkultur, hat mit seinem Acqua di Colonia aus dem Stand die Referenz für klassische Eau de Colognes geschaffen, L’Artisan Parfumeur mit Eau de Jatamansi einen zumindet nicht uninteressanten Duft. Yves Rocher zeigt mit seinen Naturparfüms aus dem Hause Isabel Derroisné, dass es auch günstig geht und die Qualität trotzdem akzeptabel ist.

Die kompromisslose, ganz große Kunst entsteht aber häufig bei den kleinen Ein-Mann oder Frau-Betrieben, die aus der Aromatherapie oder anderen philosophischen Überzeugungen heraus begannen mit Naturparfüms zu arbeiten und diese Kunst aufgrund ihrer Studien und eines Engagements weit jenseits rein kommerzieller Interessen oder ideologischer Verbohrtheiten nach vorne bringen. Einige haben sich in der Natural Perfumers’ Guild organisiert, andere sind beinharte Individualisten, wie Josh Lobb von Slumberhouse aus Portland, Oregon, der sich bisher offensiv einer marktorientierten Produktphilosophie verweigert. Erwähnenswert sind weiterhin Mandy Aftel, die auch als Autorin hervortritt, Ayala Moriel und Dawn Spencer Hurwitz, die neben konventionellen Düften auch viele interessante Naturparfüms in ihrem Portfolio führt.

Ein Großmeister der Naturparfümerie ist der in Rimini residierende, zum Sufismus konvertierte Franzose Dominique Dubrana a.k.a. Abdessalam Attar, der nach eigener Aussage intuitiv arbeitet. Ihm gelingen komplexe Düfte von kristalliner Klarheit, welche in der Abwesenheit jeglicher synthetischer Klischees eine ungewöhnliche Strahlkraft entfalten und doch sehr zugänglich sind. Beispielhaft hierfür sind u.a. der orientalische Duft Sharif, das komplexe Tabac oder der hochelegante Duft Grezzo.

Schließlich ist vor kurzem mit Undergreen eine französische Marke in Erscheinung getreten, die Naturparfümerie und die typische synthetisch geprägte Duftästhetik des trendorientierten Nischenmarktes mittels neuer Extraktions- und Fraktionierungstechnologien zusammenführen will und damit gezielt urbane LOHA-Sensibilitäten anzusprechen versucht. Undergreen Black mit seinen würzigen Lakritznoten repräsentiert den gelungenen Versuch synthetikfreie Hipness zu generieren.

Es bleibt als Resumée: der Markt für Natur- und Ökoparfüms ist enorm dynamisch und von der Renaissance alter Traditionen bis zur Nutzung neuer Technologien gibt es zu viele interessante Kreationen zu entdecken, als dass ein Duftliebhaber dieses expandierende Feld ignorieren dürfte. Nicht zurück, also, sondern hin zur Natur!

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Über Dr. Tom Clark 10 Artikel

Dr. Tom Clark ist der Duftexperte auf Stilmagazin.com. Seine weitreichenden Kenntnisse und großes Hintergrundwissen werden Sie faszinieren. Seine Kolumne „Mannesduft“ hält einige Überraschungen für Sie bereit.

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